(Text von Elena Tonetti Vladimirova / übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Remlein)

Warum ist es so wichtig, die Bedeutung einer gesunden und glücklichen Schwangerschaft und Geburt zu verstehen? Hat das einen Einfluss auf unser Leben? Ja! Der Bewusstheitsgrad unserer Zivilisation wird durch unsere Erfahrungen in der Gebärmutter bestimmt, die in jeder Körperzelle gespeichert sind.

Ein Baby ist bereits lange vor der Geburt, nämlich die ganze Schwangerschaft hindurch  bis unmittelbar nach der Geburt ein sehr sehr empfindsames Wesen – empfindsamer als irgendwann danach, wenn es erwachsen ist.

Unsere frühen Prägungen bleiben unser ganzes Leben hindurch bei uns – im Guten, wie im Schlechten. 25 Jahre ernsthafter Forschung in pränataler Psychologie zeigen eine direkte Verbindung zwischen dem Tenor unserer Geburt und den unterbewussten Verhaltens- und emotionalen Mustern in unserem Erwachsenendasein. Das ist so aufgrund eines Mechanismus, der „limbische Prägung“ heißt.

Stellen Sie sich vor, dass Ihr Fernseher auf „maximal blau“ eingestellt ist. Völlig egal, welcher Film läuft, jeder wird blau sein.

Genau derselbe Mechanismus läuft in uns ab. Es ist genau dieselbe limbische Prägung, die seit Jahrtausenden bewusst dafür genutzt wird, Tiere so zu trainieren, dass sie Menschen dienen.

Ein Baby-Elefant wird wird z.B. an einen Pflock im Boden gebunden. Der kleine Elefant versucht ein paar Tage lang, mit aller Macht sich zu befreien, dann hört er damit auf. Wenn er erwachsen ist und genug Stärke hätte, um den Pflock herauszuziehen, tut er es nicht. Er versucht es noch nicht einmal…

Um den Ausdruck „limbische Prägung“ besser zu verstehen, werfen wir einen Blick auf die Struktur unseres Gehirns. Direkt an der Spitze der Wirbelsäule sitzt das Reptiliengehirn oder Stammhirn, das  für die physiologischen Funktionen unseres Körpers zuständig ist. Dieser Teil des Gehirns funktioniert sogar im komatösen oder vegetativen Zustand. Alle grundlegenden  Körperfunktionen bleiben erhalten. Frauen haben sogar weiterhin ihre Menstruation und auch eine bestehende Schwangerschaft geht weiter.

Der Kortex ist für unsere mentale Aktivität verantwortlich. Gewöhnlich wird er als „Hirn“ bezeichnet. Er ist verantwortlich für alle kognitiven Funktionen wie: Logik, Kalkulation, Planung, Analyse, usw..

Und dann gibt es noch den limbischen Teil des Gehirns, der für unsere Emotionen, Empfindungen und Gefühle zuständig ist. Die limbische Prägung findet in diesem Teil des Gehirns statt. Dieser Teil des Gehirns ist nicht direkt mit dem Kortex verbunden.

Das limbische System registriert alle Gefühle und Empfindungen während der Schwangerschaft, der Geburt und der frühen Kindheit. Es übersetzt diese nicht in die Sprache des Kortex, ganz einfach, weil der Kortex zu diesem Zeitpunkt sich noch nicht entwickelt hat. Diese Erinnerung lebt dann den Rest unseres Lebens in unserem Körper – egal ob wir davon wissen oder nicht.

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir weit offen, um Liebe zu empfangen. Wenn wir als erste Erfahrung Liebe empfangen, dann wird unser Nervensystem dadurch limbisch gesprägt – programmiert auf „es ist richtig und gut, dass ich bin“. Wenn ein Baby von seiner Mutter liebevoll gehalten wird, die Brust bekommt und die große Freude in den Augen seines Vaters sieht, dann entsteht ein natürliches Gefühl von Glückseligkeit und Sicherheit.  Und die Welt ist dann der rechte  Ort für uns, wir fühlen uns behütet und genährt.

Wenn unsere ersten körperlichen Erfahrungen auf irgendeine Weise nicht liebevoll sind (schmerzhaft, beängstigend, einsam…), dann prägt sich uns genau diese Erfahrung als „Liebe“ ein.  Wir lernen: Liebe bedeutet Einsamkeit, Schmerz, Angst haben…. Genau diese Erfahrung prägt sich sofort in unser Nervensystem als „Komfortzone“ ein und fungiert als Ersatz für Liebe und Genährtsein egal wie schmerzvoll, frustrierend und nicht wünschenswert es tatsächlich war.

Als Erwachsene werden wir zukünftig unbewusst und automatisch Bedingungen wieder erschaffen, die genau den Erfahrungen entsprechen, die wir während der Geburt und in der frühen Kindheit gemacht haben.

Pioniere in der Erforschung pränataler Psychologie (wie Dr. Thomas Verny, Dr. David Chamberlain, Dr. William Emerson) zeigen, dass ein überwältigender Anteil körperlicher Erscheinungen und Verhaltensdysfunktionen das direkte Ergebnis einer traumatischen Schwangerschaft und von Komplikationen während der Geburt sind (wobei das letztere mechanische Interventionen und eine Überdosierung von Anästhetika einschließt).

Auch wie ein Baby unmittelbar nach der Geburt behandelt wird, hat oft große unangenehme Auswirkungen: unpersönliche Routineuntersuchungen, fehlender warmer, weicher und nährender Hautkontakt mit der Mutter sofort nach der Geburt, Vorzeitiges Durchschneiden der Nabelschnur, rohe Behandlung, Beschneidung, Nadeln, grelles Licht, Lärm/laute Geräusche, usw..

Die Überreizung und Überbeanspruchung der Sinne des Babys brennt sich sofort als neue „Komfortzone“ in das Nervensystem des Neugeborenen ein. Diese Prägung erfolgt im limbischen Teil des Gehirns und gegen jede Logik, da Logik im Kortex beheimatet ist und dieser noch nicht entwickelt ist. Auf diese Weise wird mißbräuchliche Überstimulierung zu unserer Normalität und zu einer Gewohnheit, die wir unbewusst und ständig in unserem Erwachsenendasein immer wieder erschaffen.  Oder aber wir ziehen wiederholt Missbrauch an oder missbrauchen selbst andere. Selbst wenn unser rationaler Verstand im späteren Leben diese Verhaltensmuster als Missbrauch erkennt, so liegt doch die Prägung im limbischen System, das nicht die Fähigkeit besitzt, dieses Muster zu beenden.

Laut einer Studie von Dr. William Emerson aus dem Jahr 1995 werden in den Vereinigten Staaten 95% aller Geburten als traumatisch eingestuft, davon 50% als mittelmäßig traumatisch und 45% als schwer traumatisch. Das geht uns alle etwas an!

Wenn wir unter unerträglichen Geburtsschmerzen oder unter Einwirkung von betäubenden und toxischen Anästhetika geboren werden, dann sind wir limbisch gesehen auf Leiden und Taubheit programmiert.

Eine traumatische Geburt beraubt uns unserer Kraft und beeinträchtigt unsere Fähigkeit zu lieben, zu vertrauen, offen zu sein für Intimität und unser wahres Potential zu erfahren. Abhängigkeiten, Süchte, mangelndes Selbstwertgefühl, Unfähigkeit zu Mitgefühl und Verantwortung, mangelnde Fähigkeit zur Problemlösung, usw. All diese Probleme sind mit Geburtstraumen verbunden.

Normalerweise gebärt eine Frau aufgrund der limbischen Prägung so, wie sie selbst geboren wurde. Das ist was ihr Körper über das „wie man sich fortpflanzt“ weiß. Wenn es bei ihrer eigenen Geburt Komplikationen gab, wird sie sehr wahrscheinlich automatisch dieses Szenario wiederholen. Sie wird unbewusst ihr eigenes Geburtstrauma an ihre Tochter weitergeben, so wie sie selbst es von ihrer Mutter bekam, es sei denn sie ändert zuvor bewusst ihre eigene limbische Erinnerung.

Historisch betrachtet, zeigen weite Teile der menschlichen Kultur das Drama des Lebens: Gier, Lust, Hass, verlorene Träume, ungelebtes Potential. Stücke von Künstlern wie Shakespear, Jahrhunderte von Gemälden, klassischer Musik sind wunderbare Wege, die von menschlicher Verzweiflung erzählen.

Nur ein ganz kleiner Teil des kulturellen Erbes erzählt von Liebe, Schönheit und Erfüllung. Warum?

So wie ich das sehe, kann jemand erst dann ein erleuchtetes Meisterwerk gebären (egal ob es sich dabei um ein menschliches Baby, ein wundervolles Gedicht oder einfach um einen reichen, erfüllten, lebenswerten Tag handelt), wenn er zuvor die Erfahrung gemacht hat, dass er in Liebe geboren wurde. Diejenigen unter uns, die unter weniger als ekstatischen Umständen geboren wurden, müssen Wege finden, ihr eigenes Geburtstrauma zu heilen, das unsere treibende Kraft vom ersten Tag an war. Sich auf gesunde und liebevolle Weise selbst Vater und Mutter zu sein KANN einen Großteil des Schadens beheben.

Es gibt viele Wege wahres Wohlbefinden zu erlangen und einen davon biete ich in meinen GEBURT INS SEIN Workshops an.

Wir können damit beginnen, unser eigenes Geburtstrauma zu heilen und die Möglichkeit ergreifen, unser Leben zu einem Meisterwerk werden zu lassen. Egal wie roh und unschön der Beginn unseres Lebens auch war: Als Erwachsene haben wir die Möglichkeit, unser grundlegendes Setting  zu verändern, indem wir unsere limbische Prägung umprogrammieren.

Wir können unsere Authentizität & unsere Stärke wiedererlangen und unser System vom Schmerz unserer Vorfahren reinigen.

So bereiten wir unseren Kindern den Weg, ihr Leben als friedliche und selbstermächtigte Wächter der Erde zu leben.

Sie können mich als naiv bezeichnen, doch ich glaube wahrhaftig, dass wir die Qualität unserer Spezies in nur einer Generation verbessern können, wenn wir unsere Kinder in eine sichere, mitfühlende Welt gebären, in der es gesunden Menschenverstand gibt.

Ich lade Sie ein, mir in dieser evolutionären Vision zu folgen.

Elena Tonetti Vladimirova